Die Schein-Reform

» Klaus Werle

Der Spiegel, 13. Mai 2002

Staatliche Prämien und private Jobvermittler sollten Schwung in den Arbeitsmarkt bringen. Doch die Honorare sind zu niedrig, den Arbeitslosen hilft die Privatisierung wenig.

Als das Arbeitsamt Bochum Anfang Mai das zweite Stellenangebot innerhalb von vier Monaten schickte, war Thomas Kehler* bass erstaunt. Nicht nur, weil er schon seit zwei Wochen wieder einen Job hatte, sich brav beim Arbeitsamt abgemeldet und auch die Bestätigung bekommen hatte, dass er kein Arbeitslosengeld mehr erhalte. Kehler überraschte besonders die Beschreibung der Stelle: Teamleiterin in der Bochumer Filiale von „Ulla Popken”, einer Modekette für etwas Molligere. Am Ende des Schreibens hieß es: „Gerne ab Konfektionsgröße 42, aber keine Bedingung.”

Heute kann Kehler über solche Kapriolen des Arbeitsamtes lachen: Nach knapp fünf Monaten in der Arbeitslosigkeit ist der Sozialversicherungsfachangestellte seit dem 22. April bei einer Firma im Ruhrgebiet angestellt, die für Apotheken, Optiker und Orthopäden die Rezeptabrechnungen betreut. Den neuen Job verdankt Kehler der privaten Arbeitsvermittlung Team Jobs in Bochum. Das Honorar von 2000 Euro bezahlt zum größten Teil der Staat – mit Kehlers Vermittlungsgutschein in Höhe von 1500 Euro.

Auf dem tristen deutschen Arbeitsmarkt ist Kehler ein Exot. Zwar gibt die Ende März in Kraft getretene Neuregelung der privaten Arbeitsvermittlung jedem, der länger als drei Monate arbeitslos ist, das Recht, sich mit Gutscheinen ab 1500 Euro an private Vermittler zu wenden. Aber: Bundesweit, so musste der neue Chef der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster (SPD), einräumen, haben erst 25 000 Menschen den Schein verlangt –- weniger als ein Prozent der Berechtigten. Ganze hundert Arbeitssuchende haben ihn bei privaten Vermittlern eingereicht.

Nach wie vor sind 4,024 Millionen Menschen ohne Job. Tendenz: stagnierend. Von wirtschaftlicher Belebung, so Gerster resigniert, sei „am Arbeitsmarkt noch nichts zu spüren”. Noch vor wenigen Monaten wurden Gutscheine und private Vermittler als wahre Wunderwaffen angepriesen. Nach dem Willen der Politik sollten Agenturen wie Team Jobs endlich dort Erfolg haben, wo die Arbeitsämter versagt hatten: bei der Schaffung von Jobs in Hülle und Fülle. Das neue Gesetz, so Kanzler Schröder und Arbeitsminister Riester damals unisono, sei „der richtige Schritt zur Reform der Bundesanstalt für Arbeit”.

Doch fast zwei Monate nach der Gesetzesänderung zeigt sich: Riesters Schein- Reform wird den Arbeitsmarkt kaum entlasten. Von einer Aufbruch- oder gar Goldgräberstimmung ist auf dem Vermittlungsmarkt nichts zu spüren.

Höchstens findige Geschäftemacher und Trittbrettfahrer wittern ihre Chance: Das neue Gesetz lädt zum Missbrauch geradezu ein:- Frauen können als Arbeitsvermittler für ihren arbeitslosen Mann auftreten und den Gutschein im Erfolgsfall einlösen. Unternehmen können eine Tochterfirma gründen und jede Einstellung über diese als Vermittler laufen lassen –- natürlich erst, wenn der Job- Aspirant auch drei Monate arbeitslos war, um die Prämie einzustreichen.

Das gigantische Heer der tatsächlichen Arbeitslosen aber will die Gutscheine nicht haben, – und auch die privaten Vermittler reagieren höchst zögerlich. Dabei galten gerade sie und ihre Vermittlungsmethoden der Politik als attraktiv: Dem einzelnen Bewerber können sie sich mit deutlich mehr Zeit und Engagement widmen als die Arbeitsämter. Während sich die Berater dort meist um mehr als 500 Arbeitslose kümmern müssen, kommen private Agenturen selten auf mehr als 150 Menschen in ihrem Bewerberpool.

Doch quantitativ betrachtet, nimmt sich der Beitrag der Privaten zur Arbeitsvermittlung bislang recht bescheiden aus: Im Jahr 2001 brachten die etwa 900 nichtstaatlichen Jobvermittler nach Angaben des Bundesverbands Personalvermittlung (BPV) etwa 130 000 Menschen in Lohn und Brot. Fast 70 Prozent davon aber wechselten bloß den Job, sie waren also zum Zeitpunkt der Vermittlung gar nicht arbeitslos.

Der Grund für die niedrige Quote: Für die meisten Privaten ist die Jobvermittlung ohnehin nur ein Zubrot. Das Beispiel des Zeitarbeits- und Personalvermittlungsunternehmens Manpower ist typisch für die Branche: Die jährlich etwa 2000 Vermittlungen machen gerade mal drei Prozent des Unternehmensumsatzes aus. Der große Rest wird mit Zeitarbeit erwirtschaftet.

Und daran wird wohl auch Riesters Reform wenig ändern. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin rechnet laut einer aktuellen Studie nicht damit, dass kurzfristig „geeignete private Vermittler in ausreichender Zahl am Markt auftreten”.

Auch der BPV kann trotz der Möglichkeiten, die das neue Gesetz bietet, „den großen Run” nicht erkennen. Vor allem die „zu niedrig angesetzte Honorierung” stelle ein „wirtschaftliches Hemmnis” dar, heißt es. Die Branche ist üppige Vermittlungsprovisionen von meist zweieinhalb Bruttomonatsgehältern gewohnt.

Angesichts solcher Zahlen wirkt das neue Gesetz zuweilen sogar kontraproduktiv – so mancher in der Branche stellt sich die Frage, ob sich das Geschäft überhaupt noch lohnt. „Zu diesen Honoraren können wir in Deutschland nur sehr schwer arbeiten”, sagt etwa Jos Berends, der Geschäftsführer der holländischen Firma Maatwerk, die sich in Deutschland auf die Vermittlung von Langzeitarbeitslosen spezialisiert hat. Bislang erhält Maatwerk in Deutschland etwa 3000 Euro Provision, was nach Unternehmensangaben gerade kostendeckend sei.

Dass die privaten Vermittler kaum in der Lage sind, die Arbeitsmarktprobleme zu lösen, ist allerdings weniger eine Frage des Honorars, sondern des prinzipiellen Selbstverständnisses der Privaten. Anders als die Arbeitsämter betrachten sie nicht die Arbeitslosen als Kunden, sondern die Unternehmen, die sie beauftragen, Bewerber für offene Stellen zu finden. „Unser Metier ist nicht die soziale Betreuung Arbeitsunwilliger”, sagt BPV-Sprecherin Sieglinde Schneider. Arbeitslose wie Thomas Kehler sind nicht repräsentativ für die Masse der Arbeitslosen, wohl aber für den Markt der privaten Jobvermittler.

„Wir konzentrieren uns auf das Segment der mittleren bis oberen Qualifikation”, bekennt Paul Holsten, Chef der Personalvermittlung bei Randstad Deutschland. Der große Rest der schlecht Qualifizierten bleibt beim Arbeitsamt hängen. Kritiker werfen den Privaten gehässig „Rosinenpickerei” vor.

Kaum erstaunlich deshalb, dass ausgerechnet jemand wie Thomas Kehler privat vermittelt wurde. Mit Mittlerer Reife, dreijähriger Ausbildung bei der Bundesknappschaft und mehreren Jahren Berufserfahrung, auch in der freien Wirtschaft, gilt er als gut qualifiziert.

Riesters Reform aber hat der Angestellte seinen neuen Job nicht zu verdanken. Selbstverständlich hätte man Kehler auch ohne Gutschein eingestellt, beteuert Stefan Eickler, Assistent der Geschäftsleitung des neuen Arbeitgebers. Dass das Unternehmen für die Vermittlung jetzt nur noch 500 anstatt 2000 Euro an Team Jobs bezahlen muss, sei jedoch „ein netter Nebeneffekt”.