Am 23. Juni 1287 landet in Neapel ein Bote aus einer anderen Welt. Er klettert vom Schiff, das im Hafen festgemacht hat, ein Mann Anfang 60, erschöpft von acht Wochen Fahrt über das Mittelmeer, sichtlich mitgenommen von einer vieljährigen Reise über mehr als 8000 Kilometer, von Peking nach Bagdad nach Konstantinopel nach Westeuropa, durch Wüsten, Steppen und Einöden, über Gebirgspässe und durch Flüsse. Auf Kamelen, Pferden, Eseln ist er geritten, Plünderer und Piraten haben ihn bedroht. Im Gepäck trägt er Briefe des persischen Mongolenherrschers Arghun. Sein Auftrag ist es, die europäischen Herrscher zu einem gemeinsamen Feldzug gegen die Muslime im Heiligen Land zu bewegen. Als erster Besucher aus China betritt Rabban Bar Sauma in Neapel europäisches Festland.
Zehn Jahre zuvor war er in Peking aufgebrochen, in der Hauptstadt des mongolischen Großherrschers Kublai Khan. Eigentlich war Jerusalem das Ziel seiner Reise, das Heilige Land; er konnte nicht voraussehen, dass ihn sein Weg nach längerem Aufenthalt in Persien bis Europa führen würde, nach Rom, Paris, Bordeaux und Genua. Vielleicht hätte er sich sonst noch sorgfältiger vorbereitet. Vielleicht hätte er nach Informanten gesucht, nach Zeugen der fremden westlichen Kultur. Und vielleicht wäre er dabei auf drei venezianische Kaufleute gestoßen, die 1275 über Jerusalem und den Hindukusch an Kublais Hof gereist waren und seither in dessen Diensten standen: Nicolò, Maffeo und Marco Polo.
Marco Polo wird einmal der berühmteste Reisende des Mittelalters werden, Rabban Bar Sauma dagegen mehr als 600 Jahre vergessen sein. Erst 1887 taucht in Persien ein syrisches Manuskript auf – eine Schilderung seines Europa-Abenteuers. Plötzlich weitet sich die Perspektive: Zwei Männer, fast zeitgleich unterwegs, der eine nach Osten, der andere nach Westen, erzählen, wie sie die Fremde erleben. Zwei Reisende berichten von der Begegnung ihrer Welten, die zuvor kaum voneinander wussten und die nun durch Kaufleute wie Marco Polo und politische Emissäre wie Bar Sauma erstmals in Berührung miteinander kommen.
Gerade einmal 17 Jahre alt ist Marco Polo, als er 1271 mit seinem Vater und seinem Onkel von Venedig aus in Richtung China aufbricht. Was weiß er von den Ländern, in die er reisen wird? Schilderungen antiker Schriftsteller kann er entnehmen, dass das Land bis zu einem nächsten Ozean reicht und dass dort merkwürdige Lebewesen hausen, Hundemenschen oder Gestalten, die nur ein Bein oder das Gesicht auf der Brust haben. Dazu dürfte er allerhand Gerüchte gehört haben, die damals in Europa über das exotische China kursieren: Man ist sicher, dass die Region reich ist, denn Kaufleute importieren von dort Luxuswaren – Seide, Gewürze, Edelsteine. Das irdische Paradies, so glaubt man, befinde sich dort, verborgen hinter einer Wand aus Feuer und Wasser. Und von einem Priesterkönig Johannes erzählt man sich, mit ihm gemeinsam hofft man das Heilige Land zurückzuerobern.
So kommt es, dass der Osten für die Europäer des Mittelalters lange Zeit ein Ort der Verheißung ist, schließlich geht im Osten die Sonne auf, ist Christus im Osten gen Himmel gefahren. Doch dann, 1241, rücken plötzlich Reitertruppen von Osten aus nach Ungarn vor, bis Polen und an die Grenze Österreichs. Es sind Mongolen, die Völker der asiatischen Steppe, erstmals geeint unter einem Herrscher, Dschingis Khan, und willens, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Nun schlägt die Wahrnehmung ins Gegenteil um, der Osten verfinstert sich. »Tartaren« seien die Kämpfer, Diener des Satans, geschickt aus dem Tartarus, der Unterwelt, um Europa zu vernichten, fürchtet selbst der Papst. Würden die Krieger aus der Steppe bis nach Köln vorstoßen, um die Gebeine der Heiligen Drei Könige zurückzuholen, die ja aus dem Osten kamen?
Angst geht um; man sucht nach Gewissheit. So schicken zunächst der Papst und dann auch europäische Herrscher diplomatische Gesandte in der Ferne. »Mir war, als ob ich in eine andere Welt gekommen wäre«, schildert Wilhelm von Rubruk, einer der ersten europäischen Asienreisenden, seinen Eindruck, als er 1253 kurz hinter Konstantinopel erstmals Mongolen begegnet. Hier leben die Menschen in Jurten aus Filz, sie züchten Pferde und trinken Kumis, vergorene Stutenmilch. Weiter im Osten dann seien die Männer bartlos, die Frauen engelsgleich zart, berichten die Kundschafter. Diplomatisch jedoch sind sie erfolglos: Die Mongolen verlangen vom Westen in feindseligem Ton die Unterwerfung. Doch fast so plötzlich, wie sie gekommen sind, ziehen die Reitertruppen sich wenige Jahre später wieder aus Europa zurück. Die Gefahr scheint gebannt.
Nun brechen Missionare und Kaufleute auf, um den Osten für Glaube und Geschäft zu gewinnen. Auch Marcos Vater Nicolò und sein Onkel Maffeo machen sich um 1260 zum ersten Mal auf den Weg. Die Polos betreiben eine Handelsniederlassung am Schwarzen Meer, in Soldaia auf der Krim. Dort, wo Russen Bernstein, Honig, Wachs und Pelze aus dem Baltikum vertreiben, wo Venezianer Sklaven aus der Mongolei und dem Kaukasus an die muslimischen Herrscher in Alexandrien verkaufen, wo Kaufleute aus Griechenland, Armenien, der Türkei mit Fisch, Salz, Getreide und Stoffen handeln. Auch Waren aus China werden feilgeboten: Seide vor allem und Farbstoffe. Doch dass Kaufleute persönlich nach China reisen, ist ungewöhnlich; das Handelsgut wird etappenweise entlang der Routen der Seidenstraße transportiert. Auch die Polos hatten die Reise ursprünglich gar nicht vor, erst eine Verkettung von Umständen führt sie auf einer Handelsfahrt nach China.
Marcos Vater und sein Onkel gelangten in den 1260er Jahren bis zum Großkhan Kublai. Dieser empfing sie und fragte sie aus, über ihren Glauben, die Lebensgewohnheiten der Menschen in Europa. Dann schickte er sie zurück – mit einer Botschaft an den Papst, er möge die Polos noch einmal nach China senden mit Öl aus der Lampe, die auf dem Grab Jesu in Jerusalem brennt. 1271 brechen sie deshalb zum zweiten Mal auf. Und sie nehmen nun Marco mit, den 17-Jährigen.
Dass die Erde eine Kugel ist, wissen die Menschen im Mittelalter – dennoch ist eine solche Reise ein unglaubliches Abenteuer. Die Polos haben weder eine Wegekarte bei sich noch einen Kompass. Über Persien ziehen sie auf den Pfaden der Seidenstraße durch die Gegend des heutigen Afghanistan über das Pamir-Plateau und entlang der Wüste Taklamakan nach Nordchina, nach Catai, wie es damals heißt. »Sie ritten Sommer und Winter, es waren beschwerliche dreieinhalb Jahre. Schnee, Regen und hochgehende Flüsse behinderten die Reisenden«, heißt es in Marcos Reisebericht über den Weg von Jerusalem nach Kaiping Fu, der Sommerresidenz des Großkhans.
Rabban Bar Sauma lebt zu diesem Zeitpunkt noch als Einsiedler in den Bergen südlich der mongolischen Hauptstadt Tai-tu, auch Khanbalik genannt, des heutigen Peking. Er ist christlicher Mönch, hängt der nestorianischen Richtung an. Die ist in ganz Asien verbreitet und unabhängig von Rom, wo man die Nestorianer als Ketzer ansieht. Von der weiten Welt bekommt der zurückgezogene Bar Sauma, der zum Turkvolk der Önggüd gehört, nicht viel mit. Er weiß nichts von Politik und Kultur und erhält erst recht keine Kunde aus fernen Ländern.
Doch irgendwann reift in ihm der Wunsch, zu den heiligen Stätten des Christentums nach Jerusalem zu reisen, um dort spirituelle Erfüllung zu finden. Der Großkhan Kublai entsendet ihn schließlich tatsächlich nach Westen. Denn der Khan, der gleichzeitig Kaiser von China ist, toleriert alle Religionen in seinem Reich, Buddhisten ebenso wie Taoisten und Muslime, und er will seine Macht mehren, indem er sich auch als Freund und Gönner der Christen darstellt. Von den Polos hat er sich Öl aus Jerusalem erbeten, nun soll der Mönch aus seinem Reich dorthin ziehen, um Gewänder im Jordan zu taufen. Ausgerüstet mit Geld seiner Gemeinde, widerstandsfähigen Kamelen und einigen Begleitern, macht sich Bar Sauma auf ins Ungewisse.
Wie die Polos nutzt dabei auch er die Handelsrouten der Seidenstraße, auf denen regelmäßig Karawanen unterwegs sind – und profitiert so von der Infrastruktur, die die mongolischen Herrscher in ihrem riesigen Reich errichtet haben. »Von der mongolischen Hauptstadt aus führen viele Straßen nach den verschiedenen Provinzen. Wenn ein Gesandter des Kaisers die Hauptstadt verlässt und fünfundzwanzig Meilen auf einer Provinzstraße reitet, gelangt er zu einem Posten, genannt Janb, was zu Deutsch Pferdestation bedeutet«, schreibt Marco Polo in seinem Bericht, hier können die Reisenden übernachten und ihre Pferde wechseln.
Zahllose Gefahren warten auf dem Weg: Schneestürme, Erdrutsche, unerträgliche Hitze und Kälte. Und immer wieder durchkreuzen die Reisenden lebensfeindliche Landstriche. »Die Gegend war eine karge, unfruchtbare Wüste, dort lebten keine Menschen, denn das Wasser war bitter. Und auf der ganzen Strecke, die zwei Monate dauerte, gab es nur acht Tage, an denen die Reisenden mit größter Schwierigkeit Süßwasser fanden, das sie mitnehmen konnten«, schreibt Bar Sauma über eine Etappe in Zentralasien.
Besiedelte Gegenden sind nicht unbedingt sicherer, dort drohen Raubüberfälle, Plünderungen und Krieg. Es gärt im Mongolenreich: Zwar hatte Dschingis Khan die Steppenvölker unter seiner Führung geeint, doch nun, unter seinen Nachfolgern, beginnt das Reich wieder zu zerfallen. Der Großkhan und chinesische Kaiser Kublai hat Rabban Bar Sauma deshalb eine goldene Tafel mit gegeben, eine »Païza«, einen Pass, der den Reisenden freies Geleit und Übernachtungsmöglichkeiten garantieren soll.
Mit ihrer Hilfe gelangt der Mönch auf derselben Route, die die Polos in umgekehrter Richtung bereisten, »mit den größten Schwierigkeiten, völlig erschöpft und voller Angst« bis nach Tus an der Grenze zu Persien. Hier, im Ilkhanat Persien, einem Unterreich der Mongolen, liegen wichtige Kultstätten der nestorianischen Kirche, die will er besuchen und den Patriarchen seiner Kirche treffen, der in Bagdad seinen Sitz hat, um dann den Weg nach Jerusalem fortzusetzen. Kriegerische Konflikte aber versperren die Route ins Heilige Land, Bar Sauma richtet sich in Persien ein. Doch als der Herrscher des Ilkhanats, König Arghun, einen Botschafter sucht, der den Papst und westeuropäische Herrscher für einen gemeinsamen Feldzug gegen die muslimischen Sarazenen im Heiligen Land gewinnen soll, fällt die Wahl auf den Mann aus Peking. Erneut bricht er auf, reist am Tigris entlang ans Schwarze Meer, wo er sich zunächst nach Konstantinopel einschifft und dann von dort aus nach Neapel übersetzt.
Als er am 23. Juni 1287 von Bord geht, muss ihn der Eindruck überwältigt haben: Die Farben sind satter als in den Wüstenländern, aus denen er kommt, die Kleider sind anders, die Gesichter der Menschen, die Häuser, die Luft ist klar und frei von Sandstaub. Doch viel notiert er nicht, nichts über die Bewohner, über ihre Essgewohnheiten und ihre Sitten, über Handel und Handwerk. Nur ein Satz zeigt, dass tatsächlich Welten liegen zwischen dem, was er kennt, und dem, was er nun sieht. »Sie ritten durch Städte und Dörfer und waren verwundert, weil sie gar kein Land sahen, auf dem keine Häuser standen«, schreibt der Mann, der jahrelang durch menschenleere Steppen gezogen war.
Ob er weitere Unterschiede nicht bemerkt oder ob es ihn, den weltabgewandten Eremiten, einfach nicht interessiert? Sein Bericht ist nur in einer gekürzten Fassung überliefert, bearbeitet von einem Unbekannten, der freimütig zugibt, weggelassen zu haben, was ihm unwichtig erschien. Wichtig aber ist vor allem Bar Saumas politischer Auftrag, die Treffen mit dem Papst, mit den Königen von Frankreich und England. Und wichtig ist die Religion: In Konstantinopel, Rom, Genua und Paris lässt Bar Sauma sich die großen Kirchen zeigen, schreibt nieder, welche Reliquien er wo gesehen hat, staunt und fragt. Dies sind die wahren Sehenswürdigkeiten für jemanden, dessen Religion Reliquien verehrt und ihnen seelsorgerische Wirkungen zuspricht. Vor allem die prächtigen Kirchen aus Stein überwältigen den Mönch, der von zu Hause fast nur Zeltkirchen kennt. »Das Ausmaß des Gotteshauses und sein Reichtum lassen sich nicht beschreiben, es steht auf 108 Säulen« – so beschreibt er die Petersbasilika in Rom.
Die Erwartungen bestimmen mit, was der Reisende sieht in der Fremde und was er für berichtenswert hält. Europäischen Asienreisenden ergeht es nicht anders. Sie halten den Osten für eine Gegend, in der es Wunderbares, Erstaunliches, Merkwürdiges gibt – und finden genau das. So berichten fast alle Reisenden des 13. Jahrhunderts vom Priesterkönig Johannes. »Vom Goldkönig und dem Priester Johannes erzählen die Leute jener Gegend eine fesselnde Geschichte. Die dortige Überlieferung stimmt«, heißt es auch bei Marco Polo, der weiter festhält, wie Dschingis Khan den Priesterkönig im Kampf besiegt habe und dieser getötet worden sei. Zwar versucht er oft, Mythen und Legenden auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen, trotzdem ist auch bei ihm immer wieder von Kannibalen die Rede oder von behaarten Menschen, die es auf Sumatra gebe – wahrscheinlich meinte er Orang-Utans, »Waldmenschen« in der Sprache der Eingeborenen.
Marco hat einen großen Vorteil gegenüber anderen Asienreisenden – auch gegenüber Bar Sauma, der Europa erst im hohen Alter erreicht: Er ist jung und kann deshalb vergleichsweise unvoreingenommen auf die Länder im fernen Osten schauen. Seine Perspektive ist halb die des staunenden Europäers, halb die eines Hofbeamten, der die Taten seines Herrschers, des Großkhans, rühmt: Von prächtigen Jagden mit Leoparden und Löwen schreibt er, von den zehntausend Falknern, von luxuriösen Festen und barmherzigen Armenspeisungen. Marco steht in China wie zahlreiche Ausländer in Diensten des mongolischen Hofs.
Nüchtern wie für ein geografisch-ethnografisches Reisehandbuch beschreibt er, welche Provinzen, Städte und Königreiche es gibt, welcher Herrschaft sie unterstehen, welchen Religionen die Bewohner anhängen. »Pintiu, im Süden, ist drei Tagesreisen von Lingin entfernt. Schöne Städte und Burgflecken liegen dazwischen. Die Leute leben wie in allen andern Provinzen, von denen ich bis jetzt erzählte: Sie sind Heiden, verbrennen ihre Toten, sind dem Großkhan untertan und haben Papiergeld.« Doch nicht alles sieht er mit eigenen Augen, er lässt sich auch vieles erzählen, so von der Insel Cipangu (Japan), von deren Existenz er als erster Europäer berichtet.
Immer wieder werden Menschen deshalb später bezweifeln, dass Marco überhaupt bis China gekommen ist. Er habe lediglich Wissen aus zweiter Hand zusammengetragen, wird der Verdacht lauten; er schreibe nichts über die Chinesische Mauer, nichts über Tee, nichts über die chinesische Schrift. Heute verwirft die Mehrheit der Forscher diese Zweifel. Die Große Mauer erwähnt Marco Polo vermutlich deshalb nicht, weil die im 13. Jahrhundert lediglich aus zerfallenden Befestigungsanlagen besteht; die Mauer, wie wir sie heute kennen, wird erst im 15. und 16. Jahrhundert errichtet. Statt Tee scheinen Marco Polo nur alkoholische Getränke interessiert zu haben. Und die Geheimnisse der chinesischen Schrift dürfte er einfach nicht verstanden haben.
Zwar hat er auf seiner Reise vier Sprachen gelernt und vier Schriftsysteme, Chinesisch allerdings kann er weder lesen noch sprechen; er nutzt die Sprache der herrschenden Mongolen, die die uigurische Schrift verwenden. Wenn es nicht gerade um das mongolische Herrschafts- und Verwaltungswesen geht, ist Marco daher auf Übersetzer angewiesen. So bewegt er sich bisweilen wie ein Zoobesucher durch das fremde Land, beobachtet alles ganz genau, aber das Denken der Menschen bleibt ihm verschlossen.
Auch über seine eigenen Gefühle und Gedanken schweigt er. Marco Polo verrät nicht, ob Angst ihn drückt oder Heimweh, ob er Freunde findet, Vertraute hat. Nur zwischen den Zeilen ist sein Gruseln zu spüren über die Kräfte von Zauberern, die den Himmel verdunkeln können, ist sein Staunen zu erahnen über Asketen in Indien, die ihr Leben mit einem Trunk aus Schwefel und Quecksilber verlängern, seine Begeisterung über das Können der Perlenfischer und sein Schmunzeln über Frauen, die aus Gastfreundschaft ihren Körper anbieten.
Sein Bericht bleibt der eines Fremden: Alle Nichtchristen und Nichtmuslime, die er trifft, hält er für Heiden, unterscheidet nicht zwischen Taoisten, Buddhisten und Hindus, und statt zu fragen, warum die reichen Damen in China sich nur in Tippelschrittchen voranbewegen – die abgebundenen Füße der chinesischen Damen sind der Grund –, überlegt er sich selbst eine Erklärung: Die Damen hätten Angst um ihre Jungfräulichkeit. Vielleicht gibt es niemanden, der es ihm erklärt, und er selbst kommt nicht auf die Idee, zu fragen? Die Möglichkeit, das andere zu verstehen, so haben es vor Marco Polo bereits die ersten Asienreisenden gemerkt, hängt eng mit dem Können der Übersetzer zusammen.
Rabban Bar Sauma ergeht es auf seiner Reise durch Europa nicht anders. Überall wird er mit großen Ehren empfangen, der Gast aus China ist eine Sensation, man will ihm zeigen, was das Abendland zu bieten hat. Der französische König führt ihm seine Universität vor mit angeblich 30 000 Studenten. Der Papst lädt ihn ein, an den Osterfeierlichkeiten im Vatikan teilzunehmen. Für den englischen König Edward darf er sogar eine Messe im nestorianischen Stil zelebrieren. Doch auch Bar Sauma stößt an Grenzen: Zwar spricht er Türkisch, Chinesisch, Mongolisch und Persisch, in Rom aber braucht er wie Marco in China Übersetzer. Gut möglich, dass deshalb manches falsch bei ihm ankommt. So schreibt er, dass der Papst dem Kaiser die Krone mit den Füßen aufsetze; richtig ist, dass der Kaiser bei der Krönung zu Füßen des Papstes kniet. Von einer wirklichen Begegnung, von Verstehen gar kann nicht die Rede sein.
Einzig in der religiösen Sphäre kommen sich Ost und West etwas näher. »Die Sprache ist anders, der Ritus aber gleich«, stellen die römischen Kardinäle erleichtert fest, nachdem Bar Sauma auch vor ihnen eine Messe zelebriert hat. Man sucht nach Gemeinsamem, versucht aber nicht, die Unterschiede zu durchdringen. Der Kontakt bleibt flüchtig. Der Papst nutzt die Gelegenheit, seinen Herrschaftsanspruch über die nestorianischen Gläubigen anzumelden, doch die Nestorianer ignorieren ihn höflich.
Über seine Rückkehr nach Persien schreibt Bar Sauma nicht viel, erzählt aber, dass er vom Papst Reliquien bekommen habe, für die er eine Kirche erbauen lasse. Ein Schriftstück im Vatikan trägt sein Siegel, 15 Zeilen Text auf Pergament, die belegen: Bar Sauma war wirklich in Europa.
Dorthin zieht es auch die Polos nach Jahren in der Fremde zurück. Zwar will der Khan sie nicht gehen lassen, doch dann betraut er sie mit der Aufgabe, eine mongolische Prinzessin auf dem Seeweg nach Persien zu bringen. »Von dort aus ritten sie Tag für Tag bis nach Tresponde; von dort gelangten sie nach Konstantinopel, dann nach Negreponte und schließlich nach Venedig. Das war im Jahre 1295 nach Christi Geburt«, schreibt Marco. 24 Jahre war er fort.
Kein chinesisches Dokument bezeugt seine Anwesenheit, nirgends taucht er in den Archiven auf, und zurück in Venedig, hinterlässt er gleichfalls nur wenige Spuren. Man weiß nicht viel mehr, als dass Marco Polo heiratet, dass er drei Töchter hat und 1324 stirbt. In seiner Hinterlassenschaft finden sich Souvenirs aus Asien: Rhabarber und Moschus, wertvolle Stoffe wie Zindeltaft und Brokat, ein buddhistischer Rosenkranz, der Silbergürtel eines tartarischen Reiters, der Kopfschmuck einer mongolischen Dame und eine goldene Befehlstafel, der Passierschein des Khans. Seinem Sklaven Pietro Tartato, offenbar ein Mongole, schenkt er in seinem Testament die Freiheit.
Noch zu Lebzeiten Marco Polos wird sein Bericht Il Milione (Die Wunder der Welt), den er nach seiner Rückkehr gemeinsam mit einem Schriftsteller verfasst, in zahlreiche Sprachen übersetzt und immer wieder neu abgeschrieben. Die Kopisten ergänzen den Text und dichten Abenteuerliches hinzu, Miniaturmaler setzen Bilder von Mythengestalten und Wundern darunter. Alles frei erfunden, doch das zeitgenössische Publikum ergötzt sich nur zu gern an den Übertreibungen, die das Exotische noch ein bisschen fremder, noch ein bisschen gruseliger erscheinen lassen. Die Menschen lesen das Buch als Mär von einer unwirklichen Welt. Zu unglaublich scheint, was Marco Polo erzählt, zu fantastisch, um wahr zu sein, manche schimpfen ihn gar einen Lügner.
War es seine Absicht, den Zeitgenossen die fernen, unbekannten Gegenden nahezubringen? Falls ja, so gelingt dies kaum: Eher noch unwirklicher lässt sein Bericht den fernen Osten all jenen erscheinen, die selbst nicht dort waren. Kontakte allein, sei es durch Händler, Missionare oder Diplomaten, bringen Ost und West nicht näher zusammen. Fehlendes Vertrauen und mangelnde Kooperationsbereitschaft verhindern gemeinsame Politik.
Auch Bar Saumas Mission bleibt folgenlos: Der Westen zögert mit einem gemeinsamen Feldzug ins Heilige Land, bald darauf treten die persischen Khane zum Islam über. Bar Sauma bleibt für Jahrhunderte der erste und einzige Besucher aus China. Kriege und die sich von Osten ausbreitende Pest versperren seit Mitte des 14. Jahrhunderts den Landweg nach Asien, Reisen und Handel werden schwieriger, die diplomatischen Kontakte reißen ab.
Nur wenige im Westen ahnen unterdessen, dass Marco Polo nicht fantasiert hat. Einer, der seine Schilderungen ernst nimmt, ist Christoph Kolumbus: Er besitzt offenbar einen der ersten Drucke von Marcos legendärem Buch. 1492 bricht er dann selbst auf, nach Asien, über den Westweg. Angeblich hat er Marcos Reisebeschreibungen auf der Santa Maria dabei, als er in Amerika landet. Eine neue Welt – von der er zunächst glaubt, es sei die, die der Reisende aus dem 13. Jahrhundert beschrieben hat.