Die Frauen vom Harthof

» Verena Lugert

Stern, 10/2007

Sie leben am Nordrand von München, am äußersten Rand der Gesellschaft: junge Frauen ohne Ausbildung,
ohne Chance, ohne Partner, ohne Liebe. Ihr einziger Halt: Kinder

Und als Werner wieder einmal ordentlich getankt hatte und das depperte Bankert wieder zu wimmern beginnt, nimmt er den Säugling André aus der Wiege und packt ihn an seinen Babyfüßchen. Als André schreit, schwenkt ihn Werner noch mehr, kopfüber, das Baby brüllt lauter, hält einfach sein blödes Maul nicht, aber na bitte, wer nicht hören will muss fühlen, und dann holt Werner aus und schlägt, mit der ganzen Kraft, die so ein schweinebesoffenes und sauwütendes Männertier entwickeln kann, das Kind mit dem Kopf gegen die Wand, einmal, zweimal, immer wieder, hält es an den Füßen fest und schlägt und schlägt bis André endlich das Maul hält. Na bitte. Doppelter Schädelbruch, das Kind überlebt.

„Männer“, sagt Rita Schillmeier, Andrés Mutter, und stößt langsam den Rauch aus, „Männer sind nicht fürsorglich. Die können das nicht. Das ist gegen ihre Natur.“

Männer.

Ritas erster, Kind eins, hat sie betrogen. Der zweite, Kind zwei, hat gesoffen. Der dritte, Kind drei, hat sie geschlagen. Der vierte, Kind vier, brachte ihr Kind fast um. Der nächste tötete dann beinahe sie. „Ja, Männer.“, sagt Rita, die vierfache Mutter, blond, zart, 31, und lächelt. „es geht nicht mit ihnen, und nicht ohne sie.“

München, Problemviertel Harthof, im Neubaugebiet an der Panzerwiese, äußerster Stadtrand. Hier lebt Rita mit ihren vier Jungs, Erdgeschoß, 80 m2, vier Katzen, Neubau, bonbonbunt. Nach Problemviertel sieht es nicht aus, eher im Gegenteil: neue Blöcke, sonnige Farben, fortschrittliche Balkonlösungen, striktes Bemühen um den Pfiff in der Architektur. In einem der fröhlichen Blöcke hat vor kurzem ein Mann mitten im Treppenhaus angefangen, seine Pulsadern zu öffnen. Er sei Jesus, hat er gesagt.

Es gibt hier eine gute Infrastruktur, einen Plus und ein paar Minuten weiter Aldi und Penny, es gibt Kindergärten und eine Schule, in der Gestaltung behutsam und kindgerecht. Da ist die grüne Panzerwiese, die, anders als der Name suggeriert, wirklich sehr schön ist, eine freie Wiese, bekränzt von einem Wäldchen und der Ausfallstraße. Der Blick endet am Horizont, an dem die Allianz-Arena wie eine Traumblase schwebt.

Kinder lassen Drachen steigen, andere rennen einem Ball hinterher. Lachen liegt in der Luft und helle Stimmen: „Du blöder Arschficker, gib den Ball her!“ - „Du kannst dich selber ficken, du Wichsa! Und zwar....“ - Kind schaut sich suchend um, findet einen Laternepfahl und freut sich - „...mit der Stecken da, kannsu dich ficken du Arschwichsa!“ - „Vorher fick ich dich aber, du Mutterficker!“, so geht es weiter, ad infinitum, die Kinder sind vier, fünf Jahre alt.

Vor den Blöcken steht ein Rudel Einkaufswagen von Plus, wie treue Pferde, angeleint vor der Saloontür im Wilden Westen. Man fährt hier mit dem gefüllten Wagen direkt zu Hause vor und parkt ihn da. Manche nehmen den Einkaufswagen sogar mit ins Haus und vor ihre Wohnungstür, manche binden ihn fest, damit niemand ihn wegnimmt und den einen Pfand-Euro einsteckt.

Sie sind arm, die meisten Menschen von der Panzerwiese, die Menschen im Harthof. Und am ärmsten dran sind die Kinder.

Es ist eine unsichtbare Armut, die sich dem oberflächlichen Blick entzieht. Die sich im Inneren der Wohnungen abspielt – und immer nur kurz nach draußen an die Öffentlichkeit dringt, wenn wieder etwas Entsetzliches passiert ist. Ein toter Kevin hier, ein strangulierter Marvin dort. Doch wenn sich die Abscheu gelegt hat, sich die Wogen geglättet haben, man über Maßnahmen palavert, über Geld diskutiert hat und über den Wert der Bildung, bleibt alles beim Alten in den schwierigen Vierteln. Die Sorgen, die Überforderung und die Armut, die die Menschen langsam zermürbt.

Wann ist man arm in Deutschland? Wann ist man arm in der Welt? Nach der Definition der Vereinten Nationen ist arm, wer weniger als einen US-Dollar am Tag zur Verfügung hat, und kein sauberes Wasser und von keinem Arzt versorgt wird. Wer nicht lesen und schreiben lernen darf.

Ist Lena Mende, 3, und ihre Mutter Katja Mende, 22, dann arm? Auch sie wohnen hier, an der Panzerwiese. Rita ist ihre Nachbarin. Nach Miete, Fixkosten und Telefon haben Katja und Lena im Monat 50€ zur Verfügung, für Essen und Trinken, für Kleider und Spielzeug. Pro Monat kauft Katja bei Aldi 15 Ein-Teller-Portionen für ein wenig mehr als einen Euro.

Ansonsten gibt es bei ihr Spaghetti, da kostet die Packung 40 Cent. Und dazu eine Sauce, die ihr ihre Mutter beigebracht hat: Ketchup mit Wasser und Öl vermischen, dazu Basilikumpulver. Katjas und Lenas Tage verlaufen gleichförmig: Nach dem Aufstehen bringt sie Lena in den Kindergarten, die dort auch ihr Frühstück bekommt. Dann geht Katja zu ihrer Mutter. Die hat dann gerade ihre achtjährige Tochter Laura in die Schule gebracht. Mutter und Tochter setzen sich vor den Fernseher, da kommt um kurz nach neun Uhr morgens eine Widerholung ihrer Lieblingsserie, „Sturm der Liebe“, die sie sich am Nachmittag vorher angesehen haben. Dazu teilen sich die beiden zum Frühstück einen Liter Walnuss-Eis. Dann geht Katja heim, macht den Laptop an und sucht im Internet nach Musik und Filmen. Dann ist es auch schnell drei, Zeit zum Fernsehen, „Sturm der Liebe“ kommt um 15.10, jeden Tag, ARD. Dann holt sie Lena vom Kindergarten und beide schauen gemeinsam fern. Irgendwann, gegen Abend macht Katja ein Aldi-Gericht heiß, teilt es vor dem Fernseher mit dem Kind, das nach dem Essen dann bald einschläft, Katja sieht weiter fern und geht dann zu Bett. Katja wohnt mit Lena im Neubau, alles da, was man braucht: eine Terrasse mit kleinem Garten, Badewanne, Wäschetrockner, Geschirrspülmaschine, Laptop und DSL, Fernseher, DVD, Musikanlage.

Sind Lena und Katja arm? Ja, sagt der Armutsbericht der Bundesregierung. In Deutschland ist arm, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. 856€ pro Person und Monat ist die Grenze. Bei weniger fängt offiziell die Armut an.

Es sind aber weniger die starren Einkommensgrenzen, über die sich die Armut definiert. Sondern der Mangel an Teilhabe am großen Gesellschaftsspiel Deutschland. Der Wechselbeziehung zwischen Arbeit und Ruhe, Geld Verdienen und Ausgeben, das Erbringen und Einfordern sozialer Leistungen. Armut ist: keine Arbeit zu haben und keine zu finden, weil man die geforderten Qualifikationen ganz einfach nicht bieten kann. Aus verschiedenen Gründen: Weil man vielleicht Disziplin nie gelernt hat. Oder intellektuell überfordert ist. Weil man irgendwann einmal psychisch verletzt worden ist und deswegen nicht mehr funktioniert.

Katja war noch nie in ihrem Leben im Urlaub. Sie ist in Leipzig geboren und in München groß geworden und hat noch nie die Berge gesehen. Katja hat vier Geschwister, Laura, die Jüngste, ist acht und streitet ständig mit Lena, Katjas Tochter, dreieinhalb. Katja wurde im Suff mit 13 vergewaltigt. Katjas Vater ist seine ganze Ehe lang fremdgegangen, das wussten die Kinder, das wusste die Mutter, das konnte gar nicht geheim gehalten werden. Der Vater hat Katja geprügelt, wenn sie zu viele Fehler im Diktat hatte. Katja ist Legasthenikerin.

Sie hat die neunte Klasse zweimal gemacht und den Quali, den Qualifizierender Hauptschulabschluss, trotzdem nicht geschafft. Wie durch ein Wunder hat sie eine Lehrstelle bekommen, im Einzelhandel, bei Tengelmann. Katjas Freund Hansi hat sich von Katjas Lehrlingsgehalt mitfinanzieren lassen, er hat Katja geschlagen und in der Wohnung eingesperrt, hat Sex gehabt mit ihr, auch wenn sie nicht wollte, und als sie mit 17 von ihm schwanger war, erwirkte er, dass sie abtreiben lässt. Mit 18 wurde sie wieder schwanger und hat Hansi erklärt, dass sie das Kind dieses Mal bekommen wird. Da hat er sie an eine abgelegene S-Bahn-Haltestelle bestellt und grün und blau geprügelt. Er wollte ihr „das Kind rausschlagen“. Katja zeigte ihn an, es kam zur Verhandlung. Die Lehre musste Katja wegen der Schwangerschaft abbrechen. Lena ist jetzt dreieinhalb und hat Schwierigkeiten mit dem Sprechen, Katja geht regelmäßig mit ihr zur Logopädin. Lena ist ein hübsches, ein fröhliches Kind, blonde Locken ringeln sich um ihren Kopf, sie lacht viel.

Die Kämpferstraße, ein paar Minuten von der Panzerwiese: Da gibt es noch die alten Blöcke, da gibt es zum Teil noch Wohnungen ohne Warmwasser und Bad – man wäscht sich in einer Plastikschüssel oder spritzt sich im Waschkeller mit einem Schlauch ab. In den Blöcken herrscht Kleinkrieg – da wohnen Sinti und Roma, die ihre Nachbarn mit Saufgelagen und lauter Musik terrorisieren, es wird mit Beschwerden gekontert, die wiederum mit Drohungen quittiert werden. Die Nachbarn schenken sich nichts, da wird beobachtet, intrigiert, angezeigt. In einem Block wohnt eine Familie, der ist das Kind vom Jugendamt weggenommen worden, die Eltern verstehen nicht, warum.

Die Leute, die hier in den alten Wohnungen wohnen, haben Angst, dass die Blöcke irgendwann abgerissen werden. Sie würden etwas anderes zugewiesen bekommen – dann aber sicher mehr als die niedrige Miete bezahlen, ab 200 Euro kann man wohnen im Harthof, im äußersten Norden der Stadt München, der Glitzerstadt. Spaziert man im Harthof herum, sieht man zwar Einfachheit, aber keine Armut - denn auf den Straßen liegt kein Müll, kein Putz blättert von den Häuserwänden und die Kinde tragen Nikes und keine Lumpen und Fußwickel. Die Armut ist ein Phantom, dass über die Gesichtern der Menschen wie ein Schatten huscht: Zermürbtheit und Müdigkeit, Resignation sieht man da. In den Gesichtern der Erwachsenen – und schon bei Kindern. Rico*(Name geändert), 13, trägt etwas Altes in seinen Zügen. Alkoholikerin ist seine Mutter, nicht mehr fähig, irgendetwas im Haushalt zu machen. Verwahrlosung und Depression ist der Standard in Ricos Leben, unerträglich aber ist, wenn Mama loszieht am Abend, sie will dann Tanzen und Männer kennenlernen, sie will dann lustig sein, um dann am späten Nachmittag des nächsten Tages wieder nach Hause zu kommen. Auch Kevin* (Name geändert), 14, wirkt nicht wie ein glückliches Kind. Er hat einen Bruder, der heroinsüchtig ist, und dessen Sucht hat die ganze Familie in einen Strudel aus Hilflosigkeit gezogen.

Hier im Harthof kommen viele Kinder aus Familien, in denen die Mütter den ganzen Tag fernsehen. Familien, in denen man Chips isst zum Frühstück oder nichts oder in denen die Eltern gar nicht erst aufstehen.

„Ich will so früh wie möglich alleine wohnen“, sagt Rico. Man weiß nicht, wann sich sein Wunsch erfüllen wird: Erst muss er die Schule beenden, dann käme die Lehrzeit – wenn er denn eine Stelle bekommt. Und selbst von dem Lehrlingsgehalt kann man sich nicht selbst finanzieren. Und ohne Lehre noch viel weniger.

Die Kinder in der Bernays-Hauptschule haben Angst vor der neunten Klasse, sie bedeutet das Ende der Kindheit für sie. In der neunten Klasse stellen sich die Weichen – für die Lehrstelle, danach übernommen werden, selbstverdientes Geld – oder: überflüssig sein. Nichts finden, weil niemand einen will. Am Rand bleiben, am Rand der Gesellschaft und der Stadt.

Ohne Lehrstelle kann man nur noch die neunte Klasse noch einmal machen, die Zukunft aufschieben. Oder sich allen möglichen berufsvorbereitenden Maßnahmen unterziehen, die nicht wirklich auf einen Beruf vorbereiten. Denn die Eigenschaften, die dies am besten täten, können einem Kind nicht von außen aufgepfropft, sondern müssen von den Eltern vorgelebt werden: Disziplin, Durchhaltevermögen, ein Vertrauen in sich selbst. Wenn die Eltern aber alle dies Eigenschaften nicht haben – wie sollen sie dann von den Kindern gelernt werden? Natürlich, einige Kinder schaffen es trotzdem. Weil sie besonders klug oder willenstark sind. Für die anderen Kinder aber gilt: sie werden ins Leben geschickt, ohne, dass man ihnen richtig beigebracht hat, wie das geht. Als würde man ohne Flugstunden in ein Cockpit gesetzt.

Den Kindern ohne Lehrstelle bleibt nur, darauf zu hoffen, von Zeit zu Zeit einen ungelernten Job zu verrichten – mal im Getränkemarkt aushelfen, mal im Backshop. Ansonsten stehen sie auf der Straße herum, überflüssig, ausgeschlossen. „Ich will mal Hartz IV werden“ sagt hier – anders als dies die Nachmittags-Krawall-Talkshows unterstellen – kein einziges Kind. KFZ-Mechatroniker wollen sie werden, das ist die neue, gepimpte Version des KFZ-Mechanikers. Oder Friseurin. Oder Schlosser.

„Ich habe Angst vor der Zukunft“ sagt Madiha. „Die Realschüler klauen uns die Ausbildungsplätze“, sagt Askin. „Mit Hauptschule kriegt man keine Lehrstelle“ sagt Raffaela. „Ausländer haben es schwerer als Deutsche“, sagt Yasin. Das stimmt – und bei vielen Kindern kommt auch noch dazu, dass sie Deutsch mit Akzent sprechen – oder nur gebrochen. Und es stimmt auch, dass es immer weniger Lehrstellen gibt. Und dass es ganze Berufe, die früher klassisch von Hauptschülern gelernt wurden, gar nicht mehr gibt. Weil sie durch die Automation verdrängt worden sind, ins Ausland verlegt wurde oder durch die sich veränderten Produktionsbedingungen ganz ausgestorben sind.

Während den Jungs ohne Ausbildung nur das Rumstehen auf der Straße - oder Schlimmeres - bleibt, haben die Mädchen einen Joker, der sich aber ganz schnell in ein großes Problem verwandeln kann: Mädchen können Kinder kriegen. Eine Schwangerschaft wird von den Teenager-Müttern nicht selten begrüßt. Denn mit einem Kind treten Geld, Struktur und bedingungslose Liebe in das Leben der Mädchen. Und eine eigene Wohnung – die vielleicht klein sein mag, aber riesig im Vergleich zum eigenen Kinderzimmer.

Auch Katja will noch ein Kind. Sie glaubt gerade, dass sie schwanger ist – und wäre überglücklich, wenn sich die Schwangerschaft bestätigt. „Ich wollte immer, dass Lena ein Geschwisterchen bekommt.“ Sie hat Lena auch schon gesagt, dass da ein kleiner Bruder angefahren werden kommt, in neun Monaten oder so. Katja war noch nicht in der Drogerie, um sich Teststreifen zu kaufen.

Eine Schwangerschaft ist eine von der Gesellschaft voll akzeptierte und bis zu einem gewissen Alter des Kindes auch voll finanzierte Aufgabe. Den Vater des Kindes, mit dem Katja nicht zusammen ist, will sie nicht angeben – „ich will ihm doch nicht sein Leben zerstören.“ Das mit dem Alleinerziehen kriegt sie hin, geht ja auch bei Lena.

Vater Staat bezahlt, und niemand findet das bedenklich oder schlecht oder irgendwas. Die Sozialkohle ist etwas Abstraktes, das überreichlich aus irgendeinem anonymen Nichts sprudelt. Etwas, was unerschöpflich da ist und einem irgendwie zusteht. Um diese Quelle zu sichern, dafür schließen viele Leute hier im Harthof sogar Rechtsschutzversicherungen ab. Marion Eichenseher ist eine blonde, robuste Niederbayerin. Sie hat vier Kinder von zwei verschiedenen Vätern, Marion ist staatlich geprüfte Kinderpflegerin und lebt von Hartz IV, weil sie mit den vier Kindern einfach keine Arbeit bekommt. Sie kocht von Montag bis Donnerstag im Jugendzentrum den Mittagstisch. Marion hatte Pech mit den Männern und ein goldenes Herz, und kämpft für ihre Kinder wie eine Löwin, sogar einen Computer hat sie organisiert für ihre Kinder, sie sollen im Leben mal Chancen haben. Und Julet, 11, mit der sie in einem Bett schläft, strengt sich an: Sie ist auf dem Gymnasium. Die Familie wohnt im Rose-Pichler-Weg, von dem man sagt, er sei eine der übelsten Straßen im Harthof, man hörte dort mal von einem Mörder, außerdem sei ein Vergewaltiger unterwegs, Marion holt ihre Kinder nach Einbruch der Dunkelheit von überall ab. Trotzdem sieht man auch hier keine Verwahrlosung, im Gegenteil, die Straße wirkt gepflegt. Nur die Satellitenschüsseln, von denen die Blöcke wie von einer Schuppenflechte befallen sind, zeigen den sozialen Status der Bewohner.

„Es fehlt an allen Ecken und Enden“, sagt Marion, das Knapsen und Knausern geht an die Substanz, jede noch so winzige Kleinausgabe kann eine Katastrophe hervorrufen im so ausgeklügelten Rechensystem in dem jeder Cent berücksichtigt ist und eine U-Bahn Karte bedeutet, dass man dafür auf etwas verzichten muss. Marion sitzt in ihrer freundlichen Wohnung, der Fernseher dröhnt, Julet schaut sich „Sabrina Simsalabim“ an, in einem anderen Zimmer läuft ein anderes Programm. „Ja, wir haben drei Fernseher – und warum? Fernsehen ist das billigste, wir würden auch lieber ins Kino gehen.“ Oder schwimmen. Oder oder. Aber fast alles kostet Geld, was mit Freizeitgestaltung zu tun hat.

Auch bei Rita, an der Panzerwiese läuft der Fernseher die ganze Zeit. Rita ist die Mutter des misshandelten kleinen André. Die Wohnung ist tiptop aufgeräumt, sie riecht nach Waschmittel und ein bisschen nach Katze, an den Wänden hängen Puzzles, weinende Harlekine, Mädchen, Mondschein, Pferdemähnen. Rita begrüßt ihre Freundin Gabi. Gabi hat neun Geschwister, ist zeitweise im Heim aufgewachsen, vom Stiefvater vergewaltigt, war lange Zeit in der Psychiatrie, dann in der Notunterkunft, sie hat drei Kinder, eines davon geistig behindert, nicht einfach alles, vor allem die Sache mit dem Geld. Rita und Gabi machen sich auf den Weg zur Münchener Tafel. Die Tafel ist eine Art moderne Armenspeisung. Kantinen, Großmärkte, Bäckereien geben übrig gebliebene Lebensmittel an die Tafel, die sammelt sie und verteilt sie. Man muss sich mit seinem Sozialhilfeausweis registrieren lassen, dann darf man das Essen beziehen, Salat, Nudeln , Reispfanne ungarisch, alle zwei Wochen einmal. Rita und Gabi bekommen nicht nur Lebensmittel, sie arbeiten auch ehrenamtlich mit. Es ist ein schwindelerregend schöner Tag, der Fön treibt sein Unwesen über München, beschert einen blitzblauen Himmel über dem eine bayerische Sonne lacht. Auf einem Schulparkplatz hat die Tafel eine Art Markt aufgebaut, der fröhlich wirkt, geordnet breiten sich die Nahrungsmittel wie bei einem Erntedankfest in der Wintersonne aus. Ein schwarzes Mädchen hat eine Barbiepuppe in der Hand, in der anderen ein Einkaufsrollwägelchen, voll mit Kartoffeln. Kinderwagen, Einkaufskarre, Buggies, blaue Ikeatüten und karierten Monstertaschen sind die Mittel der Wahl, um die Lebensmittel nach Haus zu befördern, kein Mensch hat hier ein Auto. Die Menschen stehen an, werden freundlich bedient, sie sehen nicht abgerissen aus, ein paar Alkoholiker, klar, ansonsten alles ganz normal. Und für viele war auch in ihrem Leben das meiste bisher ganz normal.

Auch bei Rita war eigentlich alles in normal - mit einem Polizisten verheiratet und mit abgeschlossener Lehre, kam Ritas Lebensschiff ins Trudeln, als nach dem ersten Kind ihre Ehe scheiterte. Ihr Mann hatte sie ständig betrogen. Ritas nächster Mann soff. Der übernächste schlug sie krankenhausreif, warf sie die Treppe herunter und hielt dabei ihre Hose fest, so dass sich dabei ihre Vagina in eine klaffende Wunde verwandelte, die kompliziert genäht werden musste. Trotzdem verließ sie ihn nicht. Dann Werner, „das Arschloch“, der André mishandelt hat, dann „der Woidl“, der Walter, der sie fast umbrachte, sie würgte, und dann als sie als sie ohnmächtig war, ihr den Kopf auf den Wannenrand schlug, bis sie blutüberströmt in der Wanne lag. „Der Woidl wollt halt wissen, ob I no leb“ – oder ob er weitermachen muss. Als sie aus der Ohnmacht erwachte, fing der Woidl wieder an, sie zu würgen. Als Gabi, die Freundin, zufällig hereinplatzte, floh der Woidl, wurde von der Polizei aufgegriffen und verurteilt. Schmerzensgeld zahlt er bis heute nicht, wie auch, er hat ja kein Geld.

Männer. Männer sind das unzuverlässigste Moment überhaupt hier im Harthof. Beziehungsweise in ihrer Unzuverlässigkeit extrem zuverlässig. Sie kümmern sich nicht um Verhütung und verlassen die Szenerie, sobald es zu einer Schwangerschaft kommt. Unterhalt müssen die wenigsten zahlen, sie bekommen ja fast alle Hartz IV. Hätten sie Arbeit, bliebe ihnen vom Lohn nach den Alimenten nicht mehr, als sie schon haben. Darum suchen viele gar nicht erst nach einem Job.

Trotzdem will man die Männer haben, macht sich schön für sie. Wie Katja. Sie hat sehr gepflegte Fingernägel und eine gute Figur, blondes Haar und ein Piercing in der Braue. Katja will ihrer neuen Flamme gefallen, auch wenn sie nicht zusammen sind – denn „letzte Woche, als ich mit ihm zusammen beim Piercen war, hat er gesagt, dass er auf Frauen steht mit guter Figur und langen blonden Haaren.“ Katjas Haare sind blond, aber nur schulterlang – noch.

Auch Marion, die nur „Paschas gehabt“ hat sagt: „Ein bisschen Liebe muss scho sei.“ Auch wenn ihr Mann im Knast saß und der nächste sie nur wegen der Papiere geheiratet hat. Die Väter der Kinder haben nie gezahlt. Der eine hat genug Probleme am Hals, der andere kriegt selbst Hartz IV. Und hat schon wieder ein neues Kind, mit einer Frau, die auch Hartz IV bekommt.

Und auch Rita hat sich immer wieder dazu hinreißen lassen, es noch einmal zu probieren. Denn es ist immer die Liebe, die zu erlangen versucht wird. Die Liebe, die Wertschätzung, die Aufmerksamkeit, die fast jeder Mensch Zeit seines Lebens mit Erfolg oder ohne zu erreichen trachtet.

Darum setzt sich Rita abends vor den Computer - www.flirtline.de. Vielleicht wird es ja doch noch was? Dass das ein Mann sein könnte, der als Ernährer fungieren könnte - die Hoffnung hat sie nicht. Dass es einer ist, der bei der Erziehung und im Haushalt hilft – solche Ansprüche stellt sie nicht. Sie sucht ihn auch nicht für sexuelle Erfüllung, denn Sex sei ihr egal, wie sie sagt. Was sie sich wünscht - was sie sich alle wünschen, die Katjas, Marions, die Gabis und all die alleinerziehenden Frauen, denen so klar ist, dass mit den Männern nicht wirklich viel anzufangen ist – was sie sich wünschen ist: Jemanden haben. Der da ist. An den man sich mal anlehnen kann. Der der Mann ist im Haus.

Michael, 12, Niko, 9, André, 7 und Sandro, 5, so heißen die blonden Männer, um die sich Ritas Leben jetzt hauptsächlich dreht. Rita ist streetsmart und und liebenswert und beängstigend. Wie ein Raubtier sorgt sie für ihre Kinder, geht um ein Uhr nachts zu Bett um ab sechs wieder ihren täglichen Sisyphos-Felsen auf ihre mädchenschmalen Schultern zu packen. Kinder wecken, Frühstück, Pausenbrot, Katzen füttern, die Kinder zur Schule bringen, eines ist krank, muss zum Arzt, zu Hause Wäsche machen, putzen, aufräumen, kochen, Tierarzt, dazwischen Sozialamt, Probleme erklären, Probleme ausräumen, Probleme aussitzen, rauchen, rauchen, rauchen, gleich müssen die Kinder aus den verschiedenen Schulen abgeholt werden und abgefüttert, das Geschrei ist ohrenbetäubend, dazu läuft der Fernseher, wieder rauchen. Kinder bändigen, an den Tisch setzten, rechnen, überlegen, wie es diesmal reichen soll, das Budget ist wie eine zu kurze Bettdecke, zieht man da, friert es einen dort, gibt man dem einen die fünf Euro für das Schultheater, fehlen sie wieder da, also von vorne. Abendessen machen, die Kinder sitzen vergnügt auf der Wohnzimmercouch, vor jedem steht ein Teller Suppe, Rita räumt den Tisch ab, sie hat nichts gegessen, sie hat eigentlich den ganzen Tag noch nichts gegessen. Sie verbindet zwei Katzen die Pfoten, die habe angefangen Nägel zu kauen, sie gibt Michael gegen seine Angina ein Antibiotikum, und alle vier Knaben kriegen Zappelin, ein homöopathisches Anti-ADS-Durchknall-Mittelchen auf die rosa Zünglein geträufelt. Es ist laut, in vier Zweikämpfen werden die Kinder gleich bettfertig gemacht, noch starren sie auf den Fernseher.

Auch die vier Katzen haben ihre Augen auf den Bildschirm geheftet, die Mutterkatze und dir drei Jungen. „Eigentlich waren es auch vier Katzenkinder“, sagt Rita, „so wie bei mir.“ Aber die Mutterkatze hat gemerkt, dass ihr die Milch nicht für vier sondern nur für drei kleine Katzen reicht.

Da hat sie eins totgebissen.